Workshop des ÖBSV in Zusammenarbeit mit "ROOTS"
Erlebnispädagogik für Menschen mit Behinderung
von 15.-17. September 2006 im Berchtesgadener Land.

geleitet von Bettina Mössenböck (Österreichischer Behindertensportverband), Szabadi Andrea (Trainerin von ROOTS, selbst Rollstuhlfahrerin), Schneck Jürgen (Material und Sicherheit), Stefen (Praktikant bei ROOTS)

Engstler Klaus, Dalpra Angelika, Dirnhofer Stephanie, Freundorfer Elfi, Freundorfer Lilian, Gegenwarth Thorsten, Hamerle Monika, Leban Karina, Kickinger Philipp, Korschil Eva, Kremser Gilbert, Zadina Nina

Angemeldet hab ich mich zu einer dreitägigen Veranstaltung in den Bergen Bayerns, neugierig auf das, was auf mich zukommen würde. Heimgefahren bin ich mit vielen neuen Eindrücken und wertvollen Erfahrungen, einem Rucksack voll neuer Ideen für meine Arbeit.

Irgendwie war's dann für mich auch mehr als nur der riesige Spaß. Es hat Ruhe in mich gebracht, mir gezeigt was in mir steckt, und mir ein neues Bewusstsein für vieles gegeben.

  
Die Anfahrt zum Haiderhof in Schneizlreuht. Eine Brücke über türkisblauem Wasser, endlose Schotterstraßen am Flussufer, mitten durch Gebirgslandschaft.

Nach Verstauen des Gepäcks, frischem Wasser für Piera und einer ersten kurzen Besprechung folgten sogleich die ersten "Kennenlernspiele".

 
Der Bambusstab sollte von uns gemeinsam auf den Boden gelegt werden, mit unseren Zeigefingern darunter, welche den Kontakt zum Stab nicht verlieren durften. Ist doch einfach, oder? Dachte ich auch ;)

 
EINS, ZWEI, DREI - RUNTER!

 

   
Als nächstes wartete das Inselspiel auf uns, was blind oder im Rollstuhl zu einer wirklichen Herausforderung wurde. Ich erkannte, dass man sich bei diesem Spiel im Rollstuhl sehr schnell unbeteiligt fühlt - man wird geschoben, gehoben, gedreht ... wichtig ist, sich hierbei seine eigene Rolle zu schaffen, etwa indem man strategische Anleitungen gibt


Während dem Abendessen versanken die Berge im Abendrot und ließen gutes Wetter für den nächsten Tag erhoffen

   
Den Tagesabschluss bildete eine Fackelwanderung über Waldwege und Wiesen, durch dichtes Gestrüpp, über Wurzeln und Sandböden. Im Finsteren, "gehandicapped" durch einen Rollstuhlfahrer - abwechselnd probierten wir aus, wie es sich anfühlt, auf fremde Hilfe angewiesen zu sein - das Gefühl der "Unbeweglichkeit" war für uns alle ziemlich deutlich in dem Gelände

 
Frühstück


Lili und Philipp

 
"Kuhstall" - mit viel Action rissen uns Andrea, Stefen, Schneck und Bettina aus der Morgenmüdigkeit
auch Piera war voll dabei und immer irgendwo mittendrin zu finden ;)


"Wer ist der/die Älteste"?


Pieras "Wassernapf" ;)

dann machten wir uns auf den Weg Richtung Wald ...
 


Andrea gab uns Infos zum ersten Spiel ...

   
... zum "Tannenzapfenkacken" :D

  
Nina filmte uns beim Erkunden des Geländes

 
So aufgewärmt wurden wir vor die nächste Aufgabe gestellt - ein Baum mitten im dichten Wald, ca. 100 m von der "Basis" entfernt, sollte nach kurzem Abgehen des Gebietes wiedergefunden werden - blind. Auch Lili, die in unserer Gruppe Rollifahrerin war, konnte der Augebinde nicht entgehen.


Dicht war er, der Wald :D - das war der erste Baum, den wir noch wie geplant erreichten

 
Während die andere Gruppe zielstrebig ihren Weg suchte und auch fand, kämpften wir gegen Wurzeln, Gebüsch, hohe Pflanzen als Wegmarkierung (die aber nicht dort waren wo wir sie vermuteten) und unsere Desorientierung in der Finsternis.


Der Baum am Ziel - nur waren wir uns da noch nicht gleich ganz sicher ;)
Und unsere Rollifahrerin haben wir Blindgänger auch nicht verloren :)

 
Schneck & Steffen hatten sogleich die nächste Aufgabe für uns:

Eine Wasserbombe musste von uns entschärft werden, in einem bestimmten Zeitlimit und mit nur eingeschränkten Hilfsmitteln, außerdem waren die Personen, die die Bomben unschädlich machen sollten, blind.

 

     
Philipp befestigte das Seil, Gilbert probierte verschiedene Möglichkeiten, Nina rüstete sich zum Kampf ums Wasser

    
... voller Zug

    
... und Nina gelang es, blind eine der beiden Bomben zu entschärfen ...

 

   
... während ich an meinem "Einsatzort" auf die Hilfstruppe wartete

 
Monika und Elfi am Zug

   
Um nur 2 Sekunden überschritten wir die vorgegebene Zeit, bis ich den Eimer erwischte

 
Berg & Natur


Das Gästehaus für Ferienreitkinder am Haiderhof


Stärkung zu Mittag

Faszination Low Rope Elements am Nachmittag
 


in Österreich :D


in dem traumhaften Waldgebiet hatte Schneck für uns einen Mohawkwalk aufgebaut - gespannte Seile zwischen den Bäumen, über die wir nach Aufgabenstellung balancieren mussten


nachdem uns die Verknotung erklärt wurde, gings auch schon los

 
Aufgabe war, jeden "Seilgänger" jederzeit zumindest von hinten zu spotten, Unterstützung von untenstehenden Teamkollegen war nicht erlaubt, wer Bodenkontakt bekommt, muss noch mal beginnen

 
Die Seile waren zwischen 6 Bäumen L-förmig gespannt, das letzte Seilstück war etwa 5 m lang und sehr knifflig zu bewältigen

 
Nach anfänglichem Beraten beschlossen wir, dass die größeren unter uns an den Bäumen "positioniert" Unterstützung geben - demnach war es für sie auch sehr schwierig, das letzte Stück ganz allein zu bewältigen. Aber wir haben's geschafft, ohne "Ehrenrunden" - und das Team von Roots damit ziemlich in Staunen versetzt.


Die nächste Aufgabenstellung, in kleinen Teams von uns selbst aufzubauen


Ein Messer zum Cutten der Äste


Mast- und Halbmastwurf, Sackstich ... nach Knoten- Seil- und Materialkunde machen wir uns ans Werk

 
Bandschlinge um den Baum, der Karabiner mit Mastwurf und Sackstich befestigt - unser "Spinnennetz" mit Flaschenzug entstand

   
Das "V" - Venus und Mars am Weg zum Belohnungsfutter - geeignet für Groß und Klein :)

   
Balancierseil mit Halteseil - mit Hüftgurt sowie mindestens 4 Sicherungsleinen kann dies auch von motorisch eingeschränkten Personen bewältigt werden - eine Leine mit Zug nach oben am Hüftgurt wäre hier noch empfehlenswert

 

   
Nina und Lili am Spinnennetz


auf der Suche nach dem Seelenschlumpf - "wer passt zu mir?"


Abendbesprechung in der Hütte, bevor wir ein Lagerfeuer am Fluss errichteten


Stefen, Schneck, Andrea und Bettina am nächsten Morgen


Karina mit Piera

   
Aufwärmen: Hände abklatschen, Karabiner finden, Plane falten

 
Stefen und Schneck beim Materialcheck, Piera half fleißig mit


Andi erklärt uns High Rope Elements - also Hochseilelemente


Am Fluss machen wir uns an die Arbeit


eine kleine Schlucht, zugänglich über eine Wehr, sollen wir über eine Seilrutsche passierbar machen, uns stehen 3 Expertenfragen frei, bevor Schneck und Stefen die Strecke auf Sicherheit überprüfen


die gesamte Strecke soll auch für Menschen mit Beeinträchtigung zu bewältigen sein, entsprechend den Grundsätzen der EP mit Redundanz (also doppelt gesichert), ausgestattet mit Hüft- UND Brustgurt sowie Helm

 
unsere Ausstiegsstelle, hier stehen wir auf Steinen, aber vom Boden aus sehr hoch - wir beschlossen kurzerhand, ein Seil zum Runterspannen zu montieren, um gefahrloses Aussteigen zu ermöglichen

   
Schneck zeigt uns das Bergedreieck, gut geeignet für Rollstuhlfahrer oder Menschen mit eingeschränkter Beweglichkeit

 
Absicherung der Wehr, Seilsystem mit Redundanz an der Einstiegsstelle
 

   
Gilbert testete die Seilschaukel als Erster - und sie hielt :)


Thorsten

   
Klaus mit der Windel


Und dann war ich dran - schon das Drübergehen über die Wehr hat mir viel abverlangt. Und dann stand ICH (am Vorabend hab ich ja noch groß geredet, von wegen ich würde gern high ropes versuchen, Ängste überwinden ... alles blabla in dem Moment ... :D ) dort oben und blickte mit schreckgeweiteten Augen in den Abgrund (dass die 7, 8 Meter einem erfahrenen Kletterer nicht mal ein Schulterzucken entlocken, war mir natürlich eh klar). Aber ich wollte da runter, und wusste dass ich mich nie wieder überwinden würde, wenn nicht jetzt.

Schneck, hält das wirklich??? MICH auch?
Die Seile reißen nicht, ganz sicher nicht?
Elfi, SCHUBS mich nicht!!! (Elfi, die ihre Hand beruhigend auf meinen Rücken gelegt hatte, hat mich in Panik gebracht).

Ich schluckte. Hatte einen dicken, fetten Kloß im Magen. Und Tränen in den Augen. Richtige Panik machte sich in mir breit.

Und sprang ab. Sprang weg von meinen Ängsten, wollte meine Panik hinter mir lassen.

ES WAR SOO GEIL!!

Am anderen Ufer angelangt, konnte ich nur mit Mühe meine Tränen unterdrücken, meine Knie waren butterweich. Ich hing noch im Gurt, die Gruppe half mir mich auszuklinken. Irgendjemand fragte noch "Kannst du stehen?", bevor ich langsam wieder zu mir kam.

Wer mich kennt, meine Angst vor durchsichtigen Stiegen, Sesselliften und Brücken, weiß was ich da überwunden hab ... und Schneck, doch - Pferde sind harmloser, wirklich ;)

 
Karina und Phillip

 
Nina

 
Runterziehen zum Ausstieg, Elfi kommt an


Gilbert


Abbau

Die Tage gaben mir einen tollen Einblick in die Erlebnispädagogik, einen wieder erweiterten Blick dafür, was möglich und machbar ist. Und dass es jeden Einsatz wert ist, Elemente die Spaß machen und gut tun, umzusetzen.

Das Seminar zeigte mir aber auch meine eigenen Grenzen, durch mich selbst oder auch andere gesetzt. Und ich merkte ganz deutlich - Grenzen die durch meine eigenen Ängste und Unsicherheiten bestehen, wie zum Beispiel meine Höhenangst, kann ich nur überwinden, wenn ICH das wirklich möchte - nur ich kann den Anstoß dazu geben, das zu überwinden. Im Gegensatz dazu liegt es bei Grenzen, die von anderen gesetzt werden, die "behindert werden", am Umfeld, bei der Bewältigung (mit) behilflich zu sein. Was aus beidem entsteht, ist das gute Gefühl, Neues möglich gemacht zu haben und wieder ein Stück weitergekommen zu sein.

 

 

Gefühle wie Fremdbestimmung, Klein-Sein, Orientierungslosigkeit und auch Angst, Situationen die zum Umkehren - oder aber UMDENKEN anregen - dies wurde mir vor allem durch die Selbsterfahrungsübungen deutlich bewusst und gibt Anstoß, diese Erfahrungen im Arbeitsalltag zu berücksichtigen.

Im Anschluss an das Planenspiel diskutierten wir Fremdbestimmung am Beispiel "Rollstuhlfahrer", die "ergebene" Sprachlosigkeit von Karina, die Aufgabe der Kommunikation da diese anderen zu aufwändig ist, das Gefühl der blinden Mitspielerin "nicht dabei zu sein". Die Kooperation der Sprachlosen ("die fragt nicht lang, da kann ich einfach ihr Bein nehmen und ihr helfen, sich rüberzustellen") mit der blinden Person ("ich hab mich sicher gefühlt").

Die anschließende Frage - "und wie ging es den Nichtbehinderten dabei?" hat mich nachdenklich gemacht, Integration geht uns alle an, betrifft jeden. Ausgrenzung kann immer von zwei Seiten stattfinden.

Hervorragend fand ich die Leitung durch Andrea, welche seit einem Bergunfall selbst im Rollstuhl sitzt. Durch ihre langjährige Outdoorerfahrung, ihre fachsportliche sowie pädagogische Qualifikation konnte sie uns viele wertvolle Eindrücke vermitteln, und Integration wurde in den drei Tagen wirklich gelebt.

Es waren echt tolle Tage - nach großer beruflicher Belastung hatte ich das Gefühl zu leben und aufzuatmen. Die Einfachheit, die Schönheit der Natur, die ruhigen Morgenspaziergänge mit Piera als Tageseinstieg, Handy und Internet weit weg ... ich hab in den Tage Natur von einer anderen, aktiveren Seite kennen gelernt ... ich hab's wirklich maximal für mich genützt, sowohl als Handwerkszeug für die Arbeit, als auch für mich persönlich. Und mir viel Energie geholt, bin mal zur Ruhe gekommen.
Und werd denke ich tatsächlich zu klettern beginnen ;)

Lili und Phillip fuhren mit mir gemeinsam im Auto nach Wien zurück - mit Stau auf der A1 brauchten wir für den Rückweg 6,5 Stunden!
Lange haben wir gewartet, bis wir den Radio aufgedreht und "aus der Ruhe aufgetaucht" sind - ich glaub der Stau war Grund dafür - Ö3 Verkehrsfunk :D

In Sattledt gab es einen kurzen Zwischenstopp, meine Mutter hatte eine leckere Jause für uns, angerichtet auf der Motorhaube :)

Ich kam Sonntag Abend um ca. 22:30 Uhr todmüde und glücklich zuhause an - Piera ist heute, 2 Tage später, noch hundemüde - ich denke die Bewegung dort hat ihr für die kommende Woche gereicht :)

@ Bettina: Foooortsetzung!! :)